Eine Laufhoffnung am Hallwilerseelauf?

Gratuliere. Dieses «Gratuliere» klang wie Musik in den Ohren. Diese ersten Worte nahm die Läuferin und Schreiberin hinter der Ziellinie wahr. Ein Glücksgefühl schoss durch den Körper, das Adrenalin sprudelte wie geschütteltes Coca-Cola. In 51 Minuten und 43 Sekunden absolvierte sie in der Kategorie Kurzlauf die 6,9 km lange Laufstrecke. Gratuliere. Das Resultat war der 203. Rang.

Zugegeben, Journalisten oder Sportkommentatoren sind an diesem Resultat nicht interessiert. Da hat es der amtierende Europameister im Marathon, Tadesse Abraham einfacher. Er startet als Favorit im Halbmarathon und rennt in 63 Minuten um den Hallwilersee. Ein Sieg mit anschliessendem Interview ist ihm gewiss.

Die Laufstrecke, Start beim Schloss Hallwil und Ziel in Beinwil am See, ist der Schreiberin nicht unbekannt. Sie kennt die Gegend aus Spaziergängen an Sonntagen. Mit der Möglichkeit im Restaurant Schiffländi in Birrwil ein Balchenfilet Bombay zu geniessen.

Kenner wissen: Balchenfilets Bombay sind im Kokosmantel gebacken, auf sautierten Bananen angerichtet und mit Curryschaumsauce und Pilawreis ergänzt. Ein Traum.

Das Palmares der „Laufhoffnung“ aus Unterentfelden in Laufwettbewerben ist eher klein. Kein Wunder bei erst fünf Teilnahmen. In der Sparte Nordic Walking am Volkslauf 2015/2016 sowie am Aarauer Stadtlauf im Jahr 1985/1986. Die beiden Erinnerungsmedaillen vom Lauf durch die Kantonshaupstadt hütet die Schreiberin auch 33 Jahre später wie einen Schatz.

Die Lust oder das Feuer Sport treiben zu wollen, hielt sich bei der Schreiberin bisher In Grenzen. Die sportlichen Aktivitäten beschränkten sich auf den Arbeitsweg mit dem Velo, auf eine Stunde Zumba pro Woche sowie einem Abo im Fitnesscenter für die Wintermonate. Auch das Genuss-Skifahren gehört dazu. Als Schönwetter-Blaufahrerin.

Nie im Leben hätte die Schreiberin daran gedacht, sich im Erwachsenenalter wieder für einen Lauf anzumelden. Wäre nicht Manuela Fischer von crossfirecoaching mit ein paar Handzetteln in eine Zumbastunde geplatzt. Sie macht Werbung für einen Kurs von VITAlfire, wo Couchpotatoes oder Möchtegern-Laufwunder das Joggen lernen können.

Doch Joggen alleine reicht nicht. Auch Kräftigungsübungen gehören dazu. Ein interessantes Gesamtpaket. Bei Sonnenschein oder Regenwetter. Im Sommer und im Winter. Und siehe da: An einem kalten, nassen Montag im März starten Barbara, Karin, Monika, Sabine und die Schreiberin vor dem Schützenhaus in Oberentfelden zur ersten Joggingstunde. Begleitet von den Trainerinnen Manuela Fischer und Nadine Zurschmiede von crossfirecoaching.

Aller Anfang ist schwer. Besonders, wenn die meteorologischen Bedingungen nicht zum Joggen einladen. Alle Teilnehmerinnen bekämpfen erfolgreich ihren inneren Schweinehund. Glücksgefühle stellen sich ein. Und so treffen sich alle Damen eine Woche später wieder. Manuela und Nadine gestalten das Training abwechslungsreich.

Sie haben das richtige Mass gefunden, uns angemessen herauszufordern. Die Gruppe ist motiviert, hat Spass. Wie im Hunde-AgilityTraining. Immer wieder gibt es viel Lob für alle. Aber keine Hundeguetsli. Im Fall. Unsere Fortschritte sind erkennbar. Das Resultat: Schnellere Laufzeiten, längere Distanzen.

Nadine und Manuela überraschen die Gruppe mit neuen Ideen. Etwa mit Kräftigungsübungen auf dem Kinderspielplatz oder einem Konditionstraining über Treppenstufen. Dort machen sich sämtliche Muskelpartien des Körpers bemerkbar.  Die Folge ist ein übler Muskelkater. Zu bemerken gilt: Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt.

Es gibt auch Rückschläge. Barbara klagt über Beschwerden im Ischiasbereich. Und Karin leidet an einem Fersensporn. Beide betonen, die Ursache basiere nicht auf den wöchentlichen Lauftrainings. Karin pausiert. Macht Therapie. Barbara läuft weiter mit, bei ihr sind Behandlungen beim Physiotherapeuten später ein Thema. Sabine muss sogar das Training abbrechen. Schade, aber die Gesundheit geht vor.

Der Rest der Laufgruppe macht weiter Fortschritte. Joggt mit der Regelmässigkeit eines Schweizer Uhrwerks Berge hoch und absolviert später auch ein Intervalltraining beim Fritzebrünneli-Hoger. Der Kurs mit der Laufgruppe neigt sich dem Ende zu. Das Joggen unter Anleitung von Manuela und Nadine hat riesig Spass gemacht. Wir dürfen zu Recht stolz sein über unsere Leistung.

 

Der Entschluss, das Lauftraining mit den beiden Coaches weiter zu führen, lässt nicht lange auf sich warten. Und so joggen wir entweder als Duo, Trio oder Quartett durch den Wald. Barbara gehts besser, die Behandlung beim Physiotherapeuten tut gut. Auch Karin kann sich wieder am Training beteiligen. Sie begleitet die Laufgruppe auf dem Velo.

Die Sommerferien sind passé, die Laufgruppe ist ohne die Coaches unterwegs. Erstmals fallen Worte wie Teilnahme am Hallwilerseelauf. Aus gesundheitlichen Gründen oder Ferienabwesenheit ist es aber schwierig, sich festzulegen. Denn die Herbstferien enden am Samstag des Hallwilerseelaufs.

So startet die Schreiberin als einzige Läuferin der VITALfireLaufgruppe vom Lenz 2016 in der Kategorie Kurzlauf. Die Coaches von crossfirecoaching sind auch präsent: Manuela nimmt am 10 km-Lauf teil. Nadine wirkt als Betreuerin, denn es starten einige Läufer aus anderen Laufgruppen am Halbmarathon.

Die Wetterprognosen für den Lauf sind günstig, am Morgen ist es etwas regnerisch. Gegen Mittag macht das Wolkengrau der Sonne Platz. Alles ist perfekt. Der Veranstalter hat alles im Griff. Profis am Werk.

Für den Kurzlauf setzen die Läufer mit der Hallwilersee-Schiffahrtsflotte von Beinwil über zum Startgelände beim Schloss Hallwil.

Dort entledigen sich alle Teilnehmer der Kleidung und Utensilien, die sie während des Laufes nicht benötigen. Softshelljacken, Stirnbänder, Trainerhosen oder Wertsachen landen in Effektensäcke. Die wiederum sind versehen mit der Startnummer als Klebeetikette. Unzählige Helfer nehmen die Effektensäcke in Empfang und stopfen diese in das Innere eines Camions. Im Zielgelände kann jeder Teilnehmer seine Sachen wieder abholen.

Der Rummel im Startgelände ist gross. Einige Läufer, so auch die Schreiberin, absolvieren ein leichtes Einwärmen. Die Schreiberin und andere Läufer machen kurze Laufeinheiten mit wechselndem Tempo entlang des Seeufers. Die Schreiberin ergänzt ihr Einlaufen mit Übungen zur Gelenkmobilisierung. Fuss,-Knie,- und Hüftgelenke müssen bald Höchstleistungen erbringen. Die ersten Sonnenstrahlen zeigen sich über dem Seetal.

Ein Speaker sorgt für gute Stimmung im Startgelände, heizt das Teilnehmerfeld an. Die Nordic-Walker, liebevoll auch Stockenten genannt, starten fünf Minuten später hinter der Kategorie Kurzlauf. Punkt 13 Uhr, nach dem obligaten Startschuss, schlängelt sich ein Läuferbandwurm rund ums Schloss Hallwil. Der erste Kilometer ist mühsam. Das Bild erinnert an eine Bergsteigerkolonne oberhalb der Hörnlihütte, die im Stau stehen muss, um das Matterhorn zu bezwingen.

Danach gibt es mehr Platz. Die Spitzenläufer führen das Feld an. Und die Schreiberin findet nach dem Joggen im Stau auch ihren Rhythmus.

Einzig die Tatsache, kein Gspändli aus der Laufgruppe im Teilnehmerfeld zu wissen, ist schade. In den Trainings stand nicht nur das Joggen im Vordergrund. Auch gute Gespräche gehörten dazu.

Die Laufstrecke am See ist schön. Die Schreiberin geniesst es. Kommt gut vorwärts und erreicht Boniswil, später Birrwil. Jetzt wäre ein Abstecher ins Restaurant Schifflände ideal.

Im Sommer findet sich dort meist kein Platz zum Essen. Aufgrund der nicht ganz passenden Kleidung rennt die Schreiberin weiter. Doch heute, am Tag des Hallwilerseelaufs böte sich d i e Gelegenheit für einen hoffnungsvollen Blick auf die Speisekarte. Als Rettung winkt der Verpflegungsposten. Statt Balchenfilets Bombay wird Wasser serviert. Lassi ist nicht im Angebot.

Die Träume vom kulinarischen Höhenflug zerschlagen sich im Nu. Der Duft von Kardamon und die Gedanken an indisches Essen lösen sich in Luft auf.

Die letzten Kilometer vor Beinwil am See werden anstrengender. Die Oberschenkel brennen, die Knie schmerzen. Es geht bergauf. Das Laufwunder aus Unterentfelden läuft nicht mehr so flockig am kühlen Nass entlang. Wer ist schuld? Das fehlende Balchenfilet oder die mentale Verfassung? Experten tippen auf die mentale Verfassung. Die Schreiberin teilt diese Meinung. Beisst tapfer für die letzten Kilometer auf die Zähne. Mobilisiert die letzten Reserven.

Aus der Ferne ertönt die Stimme des Speakers. Die ersten Läufer in der Kategorie Kurzlauf sind im Ziel. Und dann kommt langsam der Adrenalinschub. Auch die Schreiberin will sich wie eine Gewinnerin fühlen. Sie will das Gefühl auskosten, nach 33 Jahren Abstinenz von Laufwettbewerben das Ziel zu erreichen.

Die Freude ist riesig, eine vertraute Stimme im Zieleinlauf zu hören.

Manuela Fischer, Coach von der Laufgruppe VITALfire macht sich bemerkbar. Sie feuert die Schreiberin lautstark an, als hätte diese noch Chancen, das Siegerpodest zu erreichen. Der Lärm von Manuela beflügelt. Und so setzt die Schreiberin zum finalen Zielsprint an. Rennt auf Manuela zu und empfängt ihren High Five. Freudestrahlend wie ein Honigkuchenpferd läuft sie ins Ziel. Das Adrenalin fliesst wie ein Wasserfall. Danke Manuela.

Erste Station im Zielgelände ist der Verpflegungsstand. Rivithon, ein isotonisches Getränk wird ausgeschenkt und in rauhen Mengen getrunken. Auch Rivella und heisse Bouillon gehören zum Angebot. Oktoberfestatmosphäre mit sportlichem Hintergrund. Kurze Zeit später trifft die Schreiberin auf Coach Manuela mit ihrem Vater Hugo. Die Beiden haben den 10 km Lauf absolviert und sind gemeinsam über die Ziellinie gelaufen. Hand in Hand. Auch eine schöne Geschichte.

Fazit: Die Schreiberin ist stolz auf ihr Resultat. Sie würde sich freuen, im Oktober 2017 wieder mitzurennen. Wenn irgendwie möglich, mit Gspändlis aus der Laufgruppe.

Im Januar 2017 soll das Training dazu wieder starten. Bis zum Hallwilerseelauf bleibt noch etwas Zeit, Ladies.

Text: Silvia Stierli, 1.11.2016

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