Das Erlebnis Swissman geschrieben von Hansruedi Nef

Erstens kommt es anders, als man Zweitens denkt.

Der Swissman Extrem Triathlon ist vorbei. Leider habe ich es nicht geschafft, in der vorgegebenen Zeit zu finishen. Nach 16 Stunden und 10 Minuten wurden wir bei Kilometer 24.5 um 21:10 bei der Säumertaverne in Zweilütschinen aus dem Rennen genommen, da wir die Cut-off Zeit verpasst hatten.

Wir, das waren mein Coach Nadine von Crossfire Coaching und ich.

Der Swissman verlief bis dahin für mich sensationell.

Das wegen Gewittern mit Blitz und Hagel verkürzte Schwimmen vor der Skyline von Ascona gelang vorzüglich.

Dann der Bicycle Ride über Gotthard, Furka und Grimsel nach Brienz.

In Biasca wurde ich von Esther und Richi angefeuert, zwei lieben Stammgästen, die mich extra verfolgt hatten. Dann die Fahrt durch die Leventina im strömenden Regen und Gegenwind. Immer wieder konnte ich andere Athleten überholen, was mir mächtig Schub verlieh.

In Bodio wartete zum ersten Mal meine Support Crew unter der Leitung meiner Traumfrau Heike auf mich. Heidi sass am Steuer und wies mich winkend mit der Schweizerfahne ein, oben erwähnte Nadine war für meine Verpflegung und Heike für die Kleidung zuständig.

Es lief wir am Schnürchen. Kurz die Bidons am Velo wechseln, die Gels und Powerriegel auffüllen und weiter ging’s. Natürlich nicht bevor ich noch die Anweisung erhielt, dass die Riegel und Gels alle bis Faido zu essen und die Bidons leer sein sollten.

Einen der nicht ganz fertigen Riegel fand ich dann heute in der Wäsche – zum Glück vor dem Waschgang.

In Faido dann der zweite Checkpoint mit Möglichkeit für Support. Ich brauchte trockene Oberkleider. Es war sehr kalt geworden und ich begann in der nassen Kleidung zu frieren.

Airolo, der Einstieg in die Tremola.
Ich liess es mir nicht nehmen, kurz anzuhalten und ein Selfie auf den Swissman Chat zu stellen.
Dann hinein und rauf auf dieser sagenumworbenen Strasse. Ich war die Tremola noch nie gefahren. Das Verhalten des Rennrades war speziell. Ständig ratterte das Rad über die Steine und ich hatte das Gefühl, die Kraft würde den Boden nicht erreichen. Eine Kehre reihte sich an die nächste. Zwölf Kilometer bis zum Ziel, elf, zehn, es wollte nicht weniger werden.
Doch dann plötzlich, nach einer der endlos an der Zahl scheinenden Kehren hörte ich Rufe von oben: ‘Papi, Hansruedi!’ Aus der Ferne sah ich zwei Gestalten und rote Luftballone. Da standen meine Tochter Sarah und Roman und begrüssten mich. Auf dem Gotthard, mitten in der Schweiz. Ich war sehr gerührt und das verpasste meinen Beinen einen Zusatzschub Energie.

Oben beim Hospiz nahm mich meine Supporter Crew in Empfang. Heidi schwenkte die Schweizerfahne, damit ich sie auch nicht verpassen würde. Sie hatten Risotto gekocht und ich konnte mir trockene Kleider anziehen. Bald machte ich mich wieder auf den Weg.

Die Abfahrt war phänomenal. Mit siebzig Sachen raste ich Richtung Hospental. Wieder konnte ich ein paar Athleten überholen. Von meinen Betreuern hatte ich die Warnung erhalten, dass ein Erdrutsch über die Strasse gegangen sei. Das hatte ich verdrängt. Mir fiel nur auf, dass irgendwann grosse Felsbrocken vorbei rasten, ungewöhnlich nahe der Fahrbahn.

In Hospental erwartete mich der zweite Teil meiner Support Crew. Wieder die Schweizerfahne und mein Herz schlug einige Takte höher. Ich gab Ingrid und Willy meine nassen Sachen und schon ging es Richtung Realp auf den Furka Pass.

Irgendwann pirschte sich ein schweres KTM Motorrad mit Warnblinker an mich heran, fuhr langsam neben mir her. ‘Hansruedi, gsehsch guät us!’ Ich staunte nicht schlecht, als ich Marcel und Tatjana auf dem schweren Gerät erkannte. Ich hatte riesige Freude und drückte noch etwas mehr in die Pedale. Musste doch Eindruck machen. Nein, ich hatte wirklich gute Beine.

In Realp verpasste ich meine Support Crew, weil ich den Gotthard zu schnell hinunter gerast war. Ich begann also mit dem Aufstieg auf den Furkapass. Eine Kehre gesellte sich zu der anderen. Die Beine wurden schwerer und schwerer. Zum Glück hatte ich meinem Team, als sie mich im Jeep Grand Cherokee Trailhawk kurz zuvor überholten zugerufen, dass ich noch Gels brauchte. Nadine rannte zurück, um mir schnell einige der Beutel zuzustecken.

Dann endlich die letzte Kehre. Doch oh Schreck, das ging ja noch ein langes Tal steil nach hinten. Im kleinsten Gang drückte ich das Rennrad Trek Madone 6 den Pass hinauf. Dann die erste Krise, ein Gel mit Wasser schlucken, runder Tritt, durchatmen, weiter treten. Bereits war ich über 125 km und 3000 Höhenmeter unterwegs.

Auf dem Furka wieder eine geniale Begrüssung durch meine Crew, Sarah mit Roman und die neue Töffbegleitung. Trockene Kleidung, ein paar neue Gels und Riegel.

Weiter ging’s!

Eine weitere unglaubliche Abfahrt nach Gletsch, vorbei am wunderbaren Rhonegletscher, über die Schienen der Furkadampfbahn mit achtzig Sachen auf der Geraden und zügig um die Kurven.

Unten die Schweizerfahne, nasse Sachen und Winterhandschuhe abgeben und rein in die Wand der Grimsel. Die Fahrt auf die Grimsel ging leichter. Eine Kehre nach der anderen und schon war ich oben auf der Passhöhe.

Heidi’s Schweizerfahne, Begrüssung durch die Crew, frisch gekochte Bouillon, warme Kleidung.

Trocken angezogen und rein in die Abfahrt nach Innertkirchen. Fast dreissig Kilometer rasante Abfahrt entschädigten mich für die Strapazen in den Aufstiegen auf die drei Pässe. Wie ein Geschoss schnellte ich aus den Tunnels und nahm beachtlich Fahrt auf.

Dann noch die drei Kehren, die Aareschlucht hoch und nach Brienz rollen.

Nun hatte ich 180 km und 3700 Höhenmeter in den Beinen.

Am oberen Ende des Brienzersees wurde ich von Kuhglockengeläut begrüsst und wechselte in die Laufschuhe. Langsam begann ich zu traben. Es ging nicht sehr gut. Ich hatte Mühe in die aufrechte Haltung zu finden.

Dann ging es unter den Giessbachfällen durch. Ein spezielles Erlebnis. Die Wassermassen schossen über den Wanderweg.

Über Waldwege, Asphaltstrassen und Trampelpfade führte uns der Weg dem See entlang. Mein Coach Nadine motivierte mich immer wieder zum gleichmässigen Tritt.

Nach und nach wurde ich von den Atlethen überholt, die ich während des ganzen Tages auf meinem wilden Veloritt abgehängt hatte.

Doch mein Schritt wurde immer langsamer. Dann rebellierte mein Magen. Die vielen Gels und Riegel zollten ihren Tribut. Zum Glück stand ein Toi Toi am Wegesrand. Mit war einiges wohler. Doch wieder verloren wir ein paar wertvolle Minuten.

Und nach 24.5 Kilometer wurden wir aus dem Rennen genommen, weil wie die Cut-off Time verpassten. Es hätte für den Lauf auf die kleine Scheidegg nicht mehr gereicht.

Die Enttäuschung war gross!

Zurück im Hotel offerierte Willy eine wunderbare Magnum Cuvée Madame Rosemarie, nachdem wir vor der Hotellobby mit Fackeln begrüsst wurden, die eigentlich für die Ankunft auf der kleinen Scheidegg bestimmt waren.

Am Sonntag fuhren wir mit der Bahn auf die kleine Scheidegg zur Finisherfeier. Es war sehr eindrücklich. Vor der Kulisse der Eigennordwand spielten Alphornbläser und die Finisher wurden gefeiert. Auch wenn ich kein Finisher war, zollte man sich gegenseitig Respekt für die vollbrachte Leistung.

Wir hatten ein wunderschönes Erlebnis. Ich hatte das beste Team der ganzen Welt um mich herum. Bei allen Strapazen wurde viel gelacht und neue Freundschaften geschlossen.

Nun habe ich also mit dem Swissman Extreme Triathlon noch eine Rechnung offen. Irgendwann werde ich diese Rechnung begleichen und auf der kleinen Scheidegg ankommen.